An der Grenze

Hier bin ich zur Schule gegangen. Cieszyn, eine geteilte Grenzstadt. Die Menschen, die dort wohnen oder sich zeitweilig dort aufhalten sind zweigeteilt und überschreiten oft die Grenzen.

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Wo ist das Meer?

Da komme ich her.

Ich bin fast
Gestorben vor Schreck:
In dem Haus, wo ich zu Gast
War, im Versteck,
Bewegte sich,
Regte sich
Plötzlich hinter einem Brett
In einem Kasten neben dem Klosett,
Ohne Beinchen,
Stumm, fremd und nett
Ein Meerschweinchen.
Sah mich bange an,
Sah mich lange an,
Sann wohl hin und sann her,
Wagte sich
Dann heran
Und fragte mich dann:
“Wo ist das Meer?”

Heimatlose, Joachim Ringelnatz

Werd´ Karten spielen

imageEiner von uns wird der Nächste sein. Ein böser Spruch machte die Runde als wir vor zwei Jahren am Grab eines Schulfreundes standen. Wir haben den Nächsten.

Im letzten Sommer beim Klassentreffen forderte er mich zum Tanzen auf. Himmel hilf, er konnte es nicht, ich auch nicht, was für ein lächerliches Paar, dachte ich. Am Tisch saß er mir schräg gegenüber, wir sprachen nur wenig miteinander. Schmächtig, große Augen, der Sarg wird nicht schwer gewesen sein. Ich hatte es versäumt etwas Bedeutungsvolles zu sagen. Angeregter unterhielt ich mich mit meinem Sitznachbar rechts, über Rosen. Komm‘ vorbei, der Rosengarten wird dir gefallen. Bin ich nicht, kann ich später machen, er ist ja nicht gestorben. Ein anderer rief, er kenne unser aller Geburtstage. Dann sag‘, sag‘ meinen, meinen und meinen auch! Er kannte sie alle, er wird sich auch die Todestage merken, denke ich. Ich kann ihn später fragen, er stirbt mir doch nicht. Aber einer, trivial, wird der Nächste sein. R.I.P.

* (vorher im Text: Die angetrunkene Seele schickt sich an, in den Himmel zu fahren)

Wankst in den Himmel, du Lump
Was wirst dort machen, was nun?

Werd´ wohl Kuku spielen dort
Mit den Engeln Biere brauen
Am Feuer abends
Pfeife rauchen
In der Hängematte schaukeln
Bis zum Mittag süß nur träumen
Über Berge, die ich liebe
Lass´ ich meine Blicke schweifen

* Auszug aus dem Lied „Kuku“ der polnischen Band Golec uOrkiestra. Der Originaltext ist in einem Dialekt der polnischen Karpaten verfasst. Der freien Übersetzung geht der rau-weinerliche Charme des Originals leider verloren. Kuku ist ein Kartenspiel.

Nein, weil nein

Am Sonntag ist Wahltag. Wohin steuert dieses schöne Land?

Es donnert mir noch in den Ohren – nein, weil nein – das Grundprinzip der elterlichen Erziehung, das mich auf Jahrzehnte hinaus argumentationsunfähig machte. Und dann noch – seht her, ich kann es besser – meiner Schulkameraden. Eine Zurschaustellung mäßiger Talente, die mich bis heute ehrfurchtsvoll verstummen lässt.

Gewinnen wird der, der am lautesten schreit. Der lauteste Marktschreier hat den besten Fisch, eben drum. Selbst dann, wenn der Fisch europaweit stinkt. Ende der Diskussion.

Das Land steuert auf Abwege zu. Steuern? Nein, die Talente des Seht-her-Bootsmannes in spe reichen dafür nicht aus. Das schöne Land wird im selbstgemachten Bigos steckenbleiben. Und den mögen wir doch alle.

Guten Appetit, auf dass Du kein Bauchweh bekommst, liebes Polen.

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