Niko

5E5501E8-12AC-4F19-BF44-B187FD8F3F78.jpeg

Ich war fünf als Niko in mein Leben trat. Niko war elf, drahtig, auffällig, wo er ging, wo er stand. Niko, Niko, rief man ihm laut nach. Laut wie später er selbst, wenn er Wodka trank und mit leeren Wodkaflaschen um sich warf. Später. Damals aber zog er den Schlitten auf dem ich saß über den zugefrorenen See. Er zeichnete Kringel, ich piepste dünn lauf Pferdchen, lauf … er stimmte kräftig mit ein. Danke, unter Tränen. Ich hörte von Schlägereien, Knochenbrüchen, Delirien, ausgeschlagenen Zähnen. Betrunken, betrinkst du dich aufs Neue. Du weißt nicht, wer ich bin, es wirkt alles verschwommen. Ich bin längst wie der Wodkadunst einer stockblauen Nacht deiner Erinnerung entflogen.

Werbeanzeigen

Oh Johnny/2

img_0478Der alte Mann steigt die Treppe schwer, zieht sein Holzbein hinterher, noch hundert Stufen, es ist dunkel umher. Die schwache Flamme holt er dichter heran, der Goldzahn blitzt auf, es ist nicht mehr weit. Nacht für Nacht macht er für mich die Lichter an, bin sonst verloren im Ozean. Das ist so viel mehr, als ich für dich zu tun imstande wäre, sage ich. Och, sagt er in einer Art, als ob es viele Worte wären. Ich beeile mich zu erklären … aber jetzt schaut er nur tadelnd gelinde. Wahre Liebe muss nicht nach Worten ringen. Oh Johnny, ich werde dich finden. Nur wo bin ich hier, wo? Und wie weit ist es bis Buffalo?

… Ende …

Oh Johnny/1

img_0468Ruhiger Seegang, verzogen der Sturm, die Gischt, die Wogen, die Wellen leicht gekräuselt nur. Lange Schleppen aus Algenhaar flankieren das Schiff, modrigbraun, golden gesprenkelt im Sonnenlicht. Jooohn-ny, Jooohn-ny, krächzt der Papagei, der eben noch friedlich auf meiner Schulter schlief. Ich ging also zur See … Jooohn-ny … Sei lieb, ich versuche zu steuern unser Geisterschiff.

… wird fortgesetzt …

Fontane ❤️ Auf fb kürzlich wiederentdeckt, gelesen, in See gestochen.

John Maynard!
„Wer ist John Maynard?“
„John Maynard war unser Steuermann,
aushielt er, bis er das Ufer gewann,
er hat uns gerettet, er trägt die Kron‘,
er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard.“

Die „Schwalbe“ fliegt über den Erie-See,
Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee;
von Detroit fliegt sie nach Buffalo –
die Herzen aber sind frei und froh,
und die Passagiere mit Kindern und Fraun
im Dämmerlicht schon das Ufer schaun,
und plaudernd an John Maynard heran
tritt alles: „Wie weit noch, Steuermann?“
Der schaut nach vorn und schaut in die Rund:
„Noch dreißig Minuten … Halbe Stund.“

Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei –
da klingt’s aus dem Schiffsraum her wie Schrei,
„Feuer!“ war es, was da klang,
ein Qualm aus Kajüt und Luke drang,
ein Qualm, dann Flammen lichterloh,
und noch zwanzig Minuten bis Buffalo.

Und die Passagiere, bunt gemengt,
am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,
am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,
am Steuer aber lagert sich´s dicht,
und ein Jammern wird laut: „Wo sind wir? wo?“
Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo. –

Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,
der Kapitän nach dem Steuer späht,
er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
aber durchs Sprachrohr fragt er an:
„Noch da, John Maynard?“
„Ja, Herr. Ich bin.“

„Auf den Strand! In die Brandung!“
„Ich halte drauf hin.“
Und das Schiffsvolk jubelt: „Halt aus! Hallo!“
Und noch zehn Minuten bis Buffalo.

„Noch da, John Maynard?“ Und Antwort schallt’s
mit ersterbender Stimme: „Ja, Herr, ich halt’s!“
Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,
jagt er die „Schwalbe“ mitten hinein.
Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.
Rettung: der Strand von Buffalo!

Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt.
Gerettet alle. Nur einer fehlt!

Alle Glocken gehn; ihre Töne schwell’n
himmelan aus Kirchen und Kapell’n,
ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt,
ein Dienst nur, den sie heute hat:
Zehntausend folgen oder mehr,
und kein Aug‘ im Zuge, das tränenleer.

Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,
mit Blumen schließen sie das Grab,
und mit goldner Schrift in den Marmorstein
schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:

„Hier ruht John Maynard! In Qualm und Brand
hielt er das Steuer fest in der Hand,
er hat uns gerettet, er trägt die Kron,
er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard.“

Eiskalt

imageDas alles wird einmal dir gehören, jeder Stein, schau‘, auch die Nägel in der Wand, sagte der Vater zu seinem jüngsten Kind, dem Nachzügler, dem fröhlichen Kind. Es sollte anders kommen.

Die Fischerstiefel stehen nicht im Flur, warum? Da klopfte es schon an der Tür, Kälte zog durch das Haus, kroch bis ins Kinderbett vor. Der Vater war tot. Barfuß ohne Schuhe stand er aufrecht im See, unter dünnem Eis, tot, gespenstisch rot die Mütze auf seinem Kopf. Wer treibt hier seinen schändlichen Schabernack? Der Wassergeist, der böse Nöck? Haha, haha, mein Werk! Die rote Mütze zeigt euch den Weg! Jemand sagte, es waren drei Männer am See, jemand trug die Stiefel, jemand warf sie später über den Zaun. Die Mutter stellte sie an ihren Platz im Flur. Lasst nur, lasst endlich Frieden sein, sagte sie nur.

Das fröhliche Kind von einst kann sich nicht erinnern. Ich hatte ein Kleid mit roten Äpfeln drauf. Ein Vater, der seine Familie liebt, ein Apfelkleid und die Stiefel im Flur – so viel, so wenig, nicht mehr, die ganze Kindheit ist damit erzählt. Die Erinnerung an das versprochene Haus ging auch verloren.