Der Zauberlehrling

img_0674

Benommen schaue ich mich um, kein Zweifel, ich bin geschrumpft. Hier lang, ruft die Maus und rast voraus! Schnell, nicht stehenbleiben, lauf, jetzt verstecken, jetzt sich retten! Hechtend über die Stummel der Zigaretten springen wir ins Mäuseloch. Wir sind nur knapp mit dem Leben davongekommen. Aber hier drinnen in der Mäusehöhle, hier sprechen wir nicht über Gefahren, hier trinken wir Tee aus Haselnussschalen. Die schöne Tapete mit dem Käsemuster, die weiche Decke aus Spinnengarn gesponnen lassen mich vergessen, ich fühle, ja, es ist wahr, mir wachsen Mäuseohren. Oh Zauberlehrling, was hast du getan! Meister, hilf, sieh was hat er nur heraufbeschworen!

Hat der alte Hexenmeister
sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort und Werke
merkt ich und den Brauch,
und mit Geistesstärke
tu ich Wunder auch.

Walle! walle
Manche Strecke,
daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße.

Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen;
bist schon lange Knecht gewesen:
nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
oben sei ein Kopf,
eile nun und gehe
mit dem Wassertopf!

Walle! walle
manche Strecke,
daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße.

Seht, er läuft zum Ufer nieder,
Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
und mit Blitzesschnelle wieder
ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
voll mit Wasser füllt!

Stehe! stehe!
denn wir haben
deiner Gaben
vollgemessen! –
Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
Hab ich doch das Wort vergessen!

Ach, das Wort, worauf am Ende
er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
bringt er schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
stürzen auf mich ein.

Nein, nicht länger
kann ichs lassen;
will ihn fassen.
Das ist Tücke!
Ach! nun wird mir immer bänger!
Welche Miene! welche Blicke!

O du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh ich über jede Schwelle
doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen,
der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
steh doch wieder still!

Willst am Ende
gar nicht lassen?
Will dich fassen,
will dich halten
und das alte Holz behende
mit dem scharfen Beile spalten.

Seht da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nur auf dich werfe,
gleich, o Kobold, liegst du nieder;
krachend trifft die glatte Schärfe.
Wahrlich, brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
und ich atme frei!

Wehe! wehe!
Beide Teile
stehn in Eile
schon als Knechte
völlig fertig in die Höhe!
Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!

Und sie laufen! Naß und nässer
wirds im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! hör mich rufen! –
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
werd ich nun nicht los.

„In die Ecke,
Besen, Besen!
Seids gewesen.
Denn als Geister
ruft euch nur zu seinem Zwecke,
erst hervor der alte Meister.“

Johann Wolfgang von Goethe, Der Zauberlehrling

Werbeanzeigen

Wovon Hasen träumen

image

Es traf der junge Hase einen wilden Mann. Ein Rauschebart! So einer würde mir gut stehen, geriet das kleine Häschen ins Schwärmen. Ein Bart wie dieser braucht Jahre, so lange wirst du nicht leben. Nein? Nein! Von der Maus die runden Ohren? Und weg war die Maus, kein Geplauder über Ohren! Keine Kiemen vom Fisch, kein Gefieder vom Vogel, keine Stacheln vom Igel. Tief enttäuscht ging der Hase nach Haus´, rupfte unterwegs noch ein paar Möhren raus. Er blieb – flauschig-weich, runder Kopf, Augen groß wie Murmeln – unglücklich mit seinem Aussehen.

Im Keller

image

Jahr für Jahr zu dieser Zeit spielte sich im finsteren Keller eine schaurige Kartoffelschau ab. Eine Leuchtbirne sendete ein schwaches Lichtsignal aus, alles was kreuchte und fleuchte malte in milchig-feuchtem Halbdunkel Schatten an die Wand. Ein Lichtschacht weckte die Sehnsucht nach einem Ausbruch in die Welt hinaus. Die Kröten, die sich das Winterlager im sandigen Boden mit den gelagerten Kartoffeln, den Mäusen und den Kellerasseln teilten, krochen jetzt den Kartoffelberg hinauf, zur Sonne, zum Licht, Hinaus! Der taktile Albtraum begann. Blind griffen wir in den nasskalten Sand hinein, die guten Kartoffeln ins Körbchen, die verfaulten müssen raus. Luft anhalten, Griff in den Sand, gute Kartoffel, Gott sei Dank! Nur ertastete man manchmal Weiches. Kröte, Maus, toter Maulwurf, Ringelnatter, Blindschleiche, wer weiß?!

Bis heute löst eine faule Kartoffel Panik in mir aus. Einer Zwiebel dagegen lasse ich es ungerührt durchgehen, passiert schon mal.