Niko

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Ich war fünf als Niko in mein Leben trat. Niko war elf, drahtig, auffällig, wo er ging, wo er stand. Niko, Niko, rief man ihm laut nach. Laut wie später er selbst, wenn er Wodka trank und mit leeren Wodkaflaschen um sich warf. Später. Damals aber zog er den Schlitten auf dem ich saß über den zugefrorenen See. Er zeichnete Kringel, ich piepste dünn lauf Pferdchen, lauf … er stimmte kräftig mit ein. Danke, unter Tränen. Ich hörte von Schlägereien, Knochenbrüchen, Delirien, ausgeschlagenen Zähnen. Betrunken, betrinkst du dich aufs Neue. Du weißt nicht, wer ich bin, es wirkt alles verschwommen. Ich bin längst wie der Wodkadunst einer stockblauen Nacht deiner Erinnerung entflogen.

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Das Böse, das nicht schläft

 

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Er nahm die Axt, schlich sich an das Haus heran in der dunklen Nacht. Ein Flügelschlag, die Eule erstarrte, er blickte in ein grüngelbes Augenpaar und erschrak. Menschlich die Regung, anders als das, was er später tat. Zwei waren in der Garage, schwach erleuchtet durch eine Glühbirne mit 40 Watt. Kein Schrei. Wachte jemand von einem schlechten Traum auf, diese Nacht? Bist du das? Jetzt war er im Haus. Ja? Nein? Schweigen? Die Axt bluttriefend, die anderen waren dran. Er war bereit, zwei Schädel schlug er schon entzwei. In jedem Zimmer brannte Licht, Lichterketten blinzelten vorweihnachtlich, so fand man das Haus vor. Und ein Restleben, das am seidenen Faden hing und später ins Leben zurück fand, doch leben will es nicht. Machte er die Lichter an, sah im Dunkeln seine Opfer nicht? Die Eule, die Maus, die der Eule entkam, keine weiteren Zeugen in der schwarzen, schwarzen Nacht. So geschah es am 4. Dezember 2008.

Die Landschaft hüllt sich in ein unschuldiges Weiß, es weihnachtet. Auch das Böse wird am Weihnachtstisch sitzen, gleich hier, unter uns. Manchmal wollen wir es nicht wissen.

Schlaflos

 

 

imageDie verfluchten Vollmondnächte rauben mir den Schlaf. Ihr Teufelsknechte, wie soll ich leben mit der Schmach! Die Unke, die Zähne, die Krähe, aber ich erzähle es besser der Reihe nach. Nicht hell, doch wach ging ich in den Wald, ein Pirol schmachtete in a-Moll, ich will dich sehen, ich kriege dich, du unsichtbarer Strolch! Ich kletterte den Baum hoch, griff nach der Steuerfeder, doch der Vogel entflog. Uh uh uh! Eine Unke warf mir von unten einen merkwürdigen Blick zu. Ich lächelte, vergaß den Fluch. Zählt eine Unke die Zähne durch, fallen sie aus, als risse man an einer Perlenschnur. Eins, zwei, drei, vier, alle mir! Fünf, sechs, sieben. Aber dort drüben, der Pirol! Diesmal packte ich ihn an den Schwungfedern, aber warum, was mache ich nur? Uh uh uh, das ist der Fluch! Der Pirol war eine Krähe, ich wurde sie nicht los. Da oben auf meinem Kopf, im eigens dafür zusammengerupften Zopf baute sie ein Nest, legte Eier dort. Oh, jetzt muss ich so leben – die Unke, die Zähne, die Krähe auf dem Kopf!

Väter und Söhne

imageEntzwei. Der greise Vater und sein gefallener Sohn fristen ihr Dasein in Selbstmitleid, Uneinsichtigkeit und schäbigem Zorn. Immer wieder. Wessen Ohnmacht, Schwäche, Selbstgerechtigkeit, Herrschsucht, Unfähigkeit, Enttäuschung, Gefühlskälte war Schuld? Kann von Schuld überhaupt die Rede sein?

Den Dank schuldig geblieben. Werde nicht krank, sterbe nicht, halte es auf! Ich wollte dir doch die Hand halten, mit dir lachen, dich in den Tod begleiten. Dir versichern, dass es gar keine Mühe macht. Den Rückenschmerzen, brennenden Augen, dem platzenden Kopf und dem blutenden Herzen zum Trotz. Ich kann jetzt nicht bei dir sein. Halte es auf!

Im Tode vereint. Man sah zunächst nur das gekenterte Boot. Ein ungutes Gefühl, war das der Wind? Das war der Tod. Vater und Sohn, die am Morgen zum Fischen aufgebrochen waren, ertranken im See. Der Vater erlitt einen Herzinfarkt, Tod durch Ertrinken beim Sohn. Die Todesursachen wären damit geklärt, nichts mehr.

Ich gebe dem sterbenden Vater den gefallenen Sohn. Auf dass sie in Nähe, Liebe, Dankbarkeit ihren Frieden finden.

Ich gebe dem hartherzigen Greis den ertrunkenen Sohn. Auf dass er nebst seinem Sohn seine Verbitterung zum Grabe trägt.

Ich gebe dem fürsorglichen Sohn den tragisch verstorbenen Vater. Auf dass er sich von den quälenden Schuldgefühlen befreit. Er hätte nichts tun können.

Gott spielen, als ob es nicht genug Unheil gäbe. Gott bewahre uns davon. Leider lassen wir uns nicht gern belehren.

Bild: Filmplakat Eugen Onegin, Wojciech Fangor, 1960

 

 

 

Heldenzeit

Meine literarischen Helden sind gefiedert (Fup, die Ente) oder gehörnt (Ferdinand, der Stier). Keine Menschen. Es ist Tierisch um mich herum. Aufgefallen ist es mir als ich von Nachbarn zu Kuchen eingeladen, auf die Frage, wie ich meinen Kaffee trinke, verkündete: „Wir trinken unseren Kaffee weiß ohne Zucker“. Einfach so, unreflektiert und zunächst unbemerkt ist der Pluralis Majestates aus mir herausgesprudelt. Wieder daheim begrüßten mich stürmisch die Hunde, beleidigt zwar, aber wie soll schon ein Hund seine Freude überspielen? Mit breitem Strahlen und einem knuffigen Ruck mit den Armen sagte ich: „Jetzt machen wir uns aber ein feines Häppchen für Zwischendurch“. Pluralis Majestates, der Krankenschwesternplural.

Dann fiel mir Fup ein und Ferdinand, vielleicht noch Pinocchio, halb Mensch halb Holzpuppe (in ewiger Hassliebe verbunden). Keine Menschen.

Tierische Zeiten. Weil es herausschallt wie man hineinruft? Ich habe nicht hineingerufen. Wahrscheinlich reicht es aber in lärmenden Zeiten nicht aus, da müßte man schon den Mut haben vorzutreten. Habe ich auch nicht.

Andererseits, vielleicht gibt’s nichts Besseres als das Tierische in uns. Aus ihren (namentlich den der Hunde) Augen leuchtet das unzerstörbare Prinzip, also die Urkraft in allem Lebendigen, wie schon Schopenhauer richtig erkannte.

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