Das Böse, das nicht schläft

 

IMG_0572.JPG

Er nahm die Axt, schlich sich an das Haus heran in der dunklen Nacht. Ein Flügelschlag, die Eule erstarrte, er blickte in ein grüngelbes Augenpaar und erschrak. Menschlich die Regung, anders als das, was er später tat. Zwei waren in der Garage, schwach erleuchtet durch eine Glühbirne mit 40 Watt. Kein Schrei. Wachte jemand von einem schlechten Traum auf, diese Nacht? Bist du das? Jetzt war er im Haus. Ja? Nein? Schweigen? Die Axt bluttriefend, die anderen waren dran. Er war bereit, zwei Schädel schlug er schon entzwei. In jedem Zimmer brannte Licht, Lichterketten blinzelten vorweihnachtlich, so fand man das Haus vor. Und ein Restleben, das am seidenen Faden hing und später ins Leben zurück fand, doch leben will es nicht. Machte er die Lichter an, sah im Dunkeln seine Opfer nicht? Die Eule, die Maus, die der Eule entkam, keine weiteren Zeugen in der schwarzen, schwarzen Nacht. So geschah es am 4. Dezember 2008.

Die Landschaft hüllt sich in ein unschuldiges Weiß, es weihnachtet. Auch das Böse wird am Weihnachtstisch sitzen, gleich hier, unter uns. Manchmal wollen wir es nicht wissen.

Werbeanzeigen

Schlaflos

 

 

imageDie verfluchten Vollmondnächte rauben mir den Schlaf. Ihr Teufelsknechte, wie soll ich leben mit der Schmach! Die Unke, die Zähne, die Krähe, aber ich erzähle es besser der Reihe nach. Nicht hell, doch wach ging ich in den Wald, ein Pirol schmachtete in a-Moll, ich will dich sehen, ich kriege dich, du unsichtbarer Strolch! Ich kletterte den Baum hoch, griff nach der Steuerfeder, doch der Vogel entflog. Uh uh uh! Eine Unke warf mir von unten einen merkwürdigen Blick zu. Ich lächelte, vergaß den Fluch. Zählt eine Unke die Zähne durch, fallen sie aus, als risse man an einer Perlenschnur. Eins, zwei, drei, vier, alle mir! Fünf, sechs, sieben. Aber dort drüben, der Pirol! Diesmal packte ich ihn an den Schwungfedern, aber warum, was mache ich nur? Uh uh uh, das ist der Fluch! Der Pirol war eine Krähe, ich wurde sie nicht los. Da oben auf meinem Kopf, im eigens dafür zusammengerupften Zopf baute sie ein Nest, legte Eier dort. Oh, jetzt muss ich so leben – die Unke, die Zähne, die Krähe auf dem Kopf!

Feuer zieh!

feuer.jpg

Wir sitzen am Kamin, schauen ins Feuer. Leb´ wohl, Winter! Geh!
Ich: Wünsch´ dir was!
Hund1: Feuer zieh! Steige auf! Drachenköpfig, flammenwerfend, zischend, speiend. Ich habe die Macht, das verkünde, sie sollen vor Furcht erstarren!
Ich: Ganz du selbst, jaaa
Hund1: Jetzt du
Ich: Feuer zieh, wüte, zerstöre, verbrenne, zieeeeh …
Hund2: Feuer zieh … ??!!
Ich: … damit jeder im Dunkeln ein Licht sieht
Hund2 nickt. Wir schauen ins Feuer, in die wärmenden Flammen, so ist es gut, die Bitterkeit schwindet, man muss die gewaltige Kraft zähmen.

Wovon Hasen träumen

image

Es traf der junge Hase einen wilden Mann. Ein Rauschebart! So einer würde mir gut stehen, geriet das kleine Häschen ins Schwärmen. Ein Bart wie dieser braucht Jahre, so lange wirst du nicht leben. Nein? Nein! Von der Maus die runden Ohren? Und weg war die Maus, kein Geplauder über Ohren! Keine Kiemen vom Fisch, kein Gefieder vom Vogel, keine Stacheln vom Igel. Tief enttäuscht ging der Hase nach Haus´, rupfte unterwegs noch ein paar Möhren raus. Er blieb – flauschig-weich, runder Kopf, Augen groß wie Murmeln – unglücklich mit seinem Aussehen.

Im Treppenhaus sinnlos gestorben

imageDer erste Stock ist erreicht, bloß nicht umdrehen. Der Mann hinter mir muss nach Luft ringen, ich rieche seine Fahne. Es ist 2 Uhr nachts, das Licht geht aus. Ich wuchte die Schinkenkeule von links nach rechts, es reißt mich fast die Treppe runter, keine Zeit die Schultertasche zu richten, sie schleift am Boden, mein Arm verhakelt im Jackenärmel, er steckt fest mit gebeugtem Ellbogen. Das Licht geht wieder an. Wo ist er? Darf ich? Nein, ist ganz leicht! Ich schleppe mich bleiern treppauf vorwärts. Ich esse kein Fleisch, sage ich, die Schinkenkeule, 6 Kilo schwer in meinen Armen, wir haben alle eine bekommen. Aaah, ja. Weiter Schweigen. Endlich. Im Gleichklang schließen wir jeweils unsere Wohnungstüren auf. Drei Jahre schon leben wir Wand an Wand, ich kenne den Mann gerade so vom Sehen, wir bräuchten eine Anleitung wie wir miteinander umgehen. Im Flur am Boden liegt die Schinkenkeule. Sinnlos, sinnlos. Ach, such das Schwein ist umsonst gestorben.

Danke für die Inspiration: http://juttareichelt.com/2016/03/11/9-geschichtengenerator-in-aktion/

 

Eine Winterhochzeit

image

Hier liegt ein Mann, gestorben im Jahr 2008, geliebter Vater, Großvater und Ehemann. Das Dorf hat vergessen. Niemand mehr sagt, dass der Mann seine Braut erschlug und sie tot in den Brunnen warf. Der Mann sagte damals aus, er wüsste nicht, warum sie zum Brunnen ging, er begleitete sie zum Haus, verabschiedete sich dann. Mörder, rief die Mutter der Braut im Gerichtssaal als der Richter auf einen Unglücksfall entschied. Mörder! Warum habe ich meine Tochter nicht? Sag! Warum? Sie schrie ihm das immer und immer ins Gesicht. Nur schaute er nicht auf, er hob nicht den Kopf, ging weiter still. Auf der Straße, vor der Kirche, jedesmal wenn sie an seinem Haus vorbeiging. Mörder! Sie fiel nicht hin! Sie rutschte nicht aus! Was wollte sie am Brunnen? Sag es mir! Mörder!

Vierzig Jahre nach der dunklen Winternacht verstarb die Mutter der Braut, der Mann atmete auf. Er überlebte sie um gut zwanzig Jahre, aber er hob den Kopf immer noch nicht. Das Dorf glaubte ihm nicht, aber alles schwieg. Ertrug er duldsam den Rufmord oder trug er schwer an seiner Schuld? Das Dorf hat längst vergessen, das Geheimnis liegt sicher im Grab.

An einem Tag im Winter, gerade dieser Tage heiratet ein Paar. Es werden Ringe, mit Steinen so klar wie Tränen, angereicht. Es sind Tränen. Tränen der Braut, die im Brunnen ertrank, eine für sie und eine für ihr ungeborenes Kind. Nun tritt die Braut vor den Altar.