Der Bibliothekar

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Und wer ist das? Wir schauen uns die alten Bilder an. Unser Lehrer, Schulleiter, Bibliothekar. Die Brille fällt mir auf, wirkt wie verwachsen mit dem Gesicht. Die Augen … die Augen waren steinern und kalt, sagt die Frau. Ich fragte beharrlich nach Jules Verne, du bist zu klein, sagte er und schickte mich heim. Zu klein für den Bibliothekar. Nicht mehr lang. Die Augen suchten nie nach Vergebung. Sie tasteten drohend ab, um sogleich zu wissen, nein, sie hat es nicht gesagt. Gestorben, begraben in allen Ehren. Stämmig, große raue Hände. Seine Augen durchstechen die Schutzhülle meiner Seele, seine Hände umschlingen mich nachts.

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Im Trüben fischen

image„Vieles hätte ich verstanden, wenn man es mir nicht erklärt hätte“
Stanisław Jerzy Lec

Zurück, zurück, noch ein bisschen, zurück … Ich stolperte und fiel in den Wassereimer, sodass kleine Flutwellen ringsum auf den Boden klatschten. Meine Brüder, zwei die sich schon immer verstanden ohne Worte, kicherten sich ins Fäustchen. Ich verstockte. Für mich zählten nur Worte. Wir waren ein schweigsames Haus. Die einen fanden blind zueinander in dieser Stille, andere fischten blind im trübkalten Wasser nach Worten. Ich hätte vieles verstanden, wenn ich es mir nicht selbst erklärt hätte.

Der 80. Geburtstag

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Justo war sehr empfindsam, er ging lieber aus dem Haus, bevor er sich in einen Streit hineinziehen ließ. Da hängt der Haussegen schief, wussten die Nachbarn, wenn Justo wieder allein die Straße entlangging. Luke hatte die Gnade der späten Geburt, für seine üble Tat gab es früher den Strick. Hühnerraub. Die drei Baris, treu und lieb. Einen müsste ich noch kennen, rief ich doch „Bali, Bali“ hinterher. Bubba, Oma´s Liebling. Burek und Bolek … hier wurde geweint … sie verschwanden, kehrten nicht mehr heim. Der 80. Geburtstag verlief in sentimentaler Runde. Unter den Gästen auch Kubuś, Misiek, Lulu, Buzz und Mel. Wir schauen zu den Hunden – klein, groß, dick, dünn, kraus, glatt. Die Familienlage vertrackt, nicht ohne Wunden, in einem sind wir uns einig, wir mögen schwarze Hunde.

Am Fluss

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Der hoch und weit geschossene Ball fiel in den Fluss, wodurch er sich dem Fußballspiel, das zwischen den Klassen 4a und 4b zu geschehen hatte, entzog. Du Idiot, selber Idiot, dem Ball hinterher! Jemand hatte einen guten Plan und rief, dass man sich vorne an der Flussbiegung aufstellen soll, er blieb ungehört. Wir alle rannten am steilen Ufer entlang, manche hangelten sich an den Sträuchern zum Flussbett hinunter, andere stocherten blind mit langen Stöcken ins Wasser hinein. Die meisten schrien nur laut oder stritten bereits, angesichts des drohenden Ballverlustes, um die Wertung des Spiels. Der Ball, der Ball. So spielten wir damals am Fluss.

Was wäre, wenn. Manchmal kehrte der Ball ins Spiel zurück, manchmal riss ihn der Fluss mit sich fort. Es geschah, was zu geschehen hatte oder es nahm stattdessen das Ungeschehene – was nun geschah – seinen Lauf. Was wäre, wenn? Ich halte mich damit nicht auf. Es ändert doch nichts.