Zerbrechlich

elfenblume

Du weißt nicht wie es ist, sagte sie, rührend verliebt in bald sechzehntem Jahr, hoffnungslos und unerwidert. Ich soll nicht wissen wie es ist? Pfeilartig schoss Unmut in mir hoch, ließ mich schnell sprechen, holperig und zu schroff. Aber ja doch, Liebe, Schmerz, unerfüllt, trotzdem lebe dein Leben … Das ist mein Leben, schnitt sie mir das Wort ab. Sanft, mit einem leichten Windhauch nur, ließ sie die Tür ins Schloß fallen, mir wird sie ihr Seelenleben nicht anvertrauen. Ein paar Worte, hastig, aufgebläht, sich selbst wichtig nehmend, ich wünschte, wie so oft, ich könnte sie zurücknehmen.

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Im Trüben fischen

image„Vieles hätte ich verstanden, wenn man es mir nicht erklärt hätte“
Stanisław Jerzy Lec

Zurück, zurück, noch ein bisschen, zurück … Ich stolperte und fiel in den Wassereimer, sodass kleine Flutwellen ringsum auf den Boden klatschten. Meine Brüder, zwei die sich schon immer verstanden ohne Worte, kicherten sich ins Fäustchen. Ich verstockte. Für mich zählten nur Worte. Wir waren ein schweigsames Haus. Die einen fanden blind zueinander in dieser Stille, andere fischten blind im trübkalten Wasser nach Worten. Ich hätte vieles verstanden, wenn ich es mir nicht selbst erklärt hätte.

Rote Fingernägel

imageWir begegnen uns zufällig. Wie damals trägt sie rot lackierte Fingernägel, weshalb ich sie nach so vielen Jahren überhaupt erkenne. Damals saß sie am Fenster, beschäftigt mit ihrer Maniküre. Gefallen sie dir? Ja, antwortete ich höflich, doch es war glatt gelogen. Die Fingernägel waren unnatürlich lang, spitz und so rot wie ein blutendes Knie.

Bevor sich unsere Wege wieder trennen, sagen wir uns mit vielen höflichen Worten herzlich wenig, wobei wir uns über das Gesagte sowieso kaum scheren. Distanz. Ich achte darauf, sie zu wahren, meine Haltung soll anzeigen, ich selbst wünsche auch keine Nähe. Und doch will ich mehr erfahren, die unverändert roten Fingernägel haben vielleicht eine Geschichte zu erzählen. Ich werde sie nicht erfahren. Wir gehen. Wir gehen nach Hause, ein Stück menschlicher Nähe geht vor die Hunde.

Väter und Söhne

imageEntzwei. Der greise Vater und sein gefallener Sohn fristen ihr Dasein in Selbstmitleid, Uneinsichtigkeit und schäbigem Zorn. Immer wieder. Wessen Ohnmacht, Schwäche, Selbstgerechtigkeit, Herrschsucht, Unfähigkeit, Enttäuschung, Gefühlskälte war Schuld? Kann von Schuld überhaupt die Rede sein?

Den Dank schuldig geblieben. Werde nicht krank, sterbe nicht, halte es auf! Ich wollte dir doch die Hand halten, mit dir lachen, dich in den Tod begleiten. Dir versichern, dass es gar keine Mühe macht. Den Rückenschmerzen, brennenden Augen, dem platzenden Kopf und dem blutenden Herzen zum Trotz. Ich kann jetzt nicht bei dir sein. Halte es auf!

Im Tode vereint. Man sah zunächst nur das gekenterte Boot. Ein ungutes Gefühl, war das der Wind? Das war der Tod. Vater und Sohn, die am Morgen zum Fischen aufgebrochen waren, ertranken im See. Der Vater erlitt einen Herzinfarkt, Tod durch Ertrinken beim Sohn. Die Todesursachen wären damit geklärt, nichts mehr.

Ich gebe dem sterbenden Vater den gefallenen Sohn. Auf dass sie in Nähe, Liebe, Dankbarkeit ihren Frieden finden.

Ich gebe dem hartherzigen Greis den ertrunkenen Sohn. Auf dass er nebst seinem Sohn seine Verbitterung zum Grabe trägt.

Ich gebe dem fürsorglichen Sohn den tragisch verstorbenen Vater. Auf dass er sich von den quälenden Schuldgefühlen befreit. Er hätte nichts tun können.

Gott spielen, als ob es nicht genug Unheil gäbe. Gott bewahre uns davon. Leider lassen wir uns nicht gern belehren.

Bild: Filmplakat Eugen Onegin, Wojciech Fangor, 1960

 

 

 

Wünsche an den falschen Mann

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Schwere Schritte im Nebenraum, schlürfend, stockend, schnaufend, gurgelnd geht der Vorhang einen Spaltbreit auf. Sie wünschen? Licht, die Farbe Grün für den frischen Anstrich, Zuversicht, einen Vogel, der an die Hand angeflogen kommt, einen Rosengarten mit Duft, rote Tanzschuhe ohne Fluch, ein Meer gleich hinterm Wald, Hände, die Klavierspielen, Kaminfeuer, Stille, Sternenhimmel und fallende Sterne mit Schweif, Kekse, nicht zu süß (was soll’s), ein Band, das mich fest an das Leben bindet, freien Kopf, sorgenfrei, vieles soll bleiben wie es ist … Hier nicht! Na dann bleib‘ wo Du bist, Weihnachtsmann. Und schau‘ bei Gelegenheit in den Spiegel, alter Mann!

Fürchtet Euch (nicht)!

melliterrasse

Schuhe an, Jacke an. Bewacht das Haus! Die Hunde haben es geahnt, ein Unheil naht. Die Ohren werden länger, die Augen runder, selbst das Fell glänzt stärker. Nichts auf der Welt wollen sie weniger tun als das. Kein Hund hat es je gewollt. Meine zwei – der liebe Alte und das arme Hasenherz sind nunmal keine Wachhunde. Einmal riss uns ein Fehlalarm aus dem Schlaf. Der eine Hund machte ein Auge auf. Mach‘ das weg, ich brauche meinen Schlaf. Der andere verkroch sich im Bett, nur das Augenweiß blitzte entsetzt auf.
– Wir sind nicht für die Sicherheit des Hauses und überhaupt niemandes Sicherheit zuständig, Du strullerst den falschen Baum an!
– Schon gut, es reicht, wenn ihr euch nicht fürchtet aber seht selbst dabei furchterregend aus. Wir Menschen sprechen gut auf Drohgebärden an. Bin gleich wieder da.
– Wehe, wenn nicht. Ohgottohgottohgottt, schnell.

Es gibt doch Schlimmeres, auch wenn’s hier dasselbe meint – allein zu sein. Allein, ein wunder Punkt insgesamt.

Mit besten Wünschen

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Ich kann heute nicht viel reden, hab‘ Halsschmerzen. Du Ärmster, gute Besserung, auf dass Du schnell wieder gesund wirst. Sollte man nicht eher aus tiefstem Herzen und zu unser aller Wohl sagen: Mensch, das freut mich aber für Dich. Hoffentlich hält es noch lange an?

Es können Tage vergehen, ohne dass man ein gescheites Wort gehört oder selber ausgesprochen hat. Mir ist es wichtig, was ich sage und trotzdem könnte ich manchmal schreien, so ungelenk kommt es aus mir heraus. Ein Wort will zum anderen nicht finden, will nicht sagen, was es meint. Ein boshafter Wicht muss am Werk sein. Ringe nach Worten, das zu Weihnachten wünsche ich Dir! Wieder und wieder, verwünscht mich der Wicht.

Wir alle spielen Theater

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Hinaus, sage ich, stehe da mit ausgestrecktem Arm und angehobenem Kinn. Meine Hunde, denen die theatralische Geste gilt, lenken ein, sie haben verstanden. Hinausgehen werden sie freilich nicht, aber nun ärgern sie mich nicht. Wir sind ein eingespieltes Team, verstehen einander gut. Der dramatischen Pose bedürfte es eigentlich nicht. Ach was, schadet nix, spricht unbekümmert der Mensch aus mir. Ich habe eine Rolle zu spielen.

Es ist vorbei, wenn’s vorbei ist

Stöckchenspiel

Stöckchen werfen ist ein Spiel in vielen Varianten. Ich werfe hundert Mal hintereinander und der Hund kriegt sich vor Freude nicht ein. Bei hundert und erstem Mal schüttelt er sich nur, kratzt sich zurecht und geht, wir spielen nicht mehr.

Soll mich nicht wundern. Manchmal fragt mich jemand, ob ich dieses oder jenes schon gehört hätte? Während ich überlege, wie ich ja sage ohne mich zu verraten, dass doch nicht, ist es bereits zu spät. Die Geschichte steuert auf ihren Scheitelpunkt zu. Ich will mich nun doch hineinfinden, aber plötzlich ist Schluss. Der Erzähler unterbricht sich selbst mitten im Satz, er muss weg, keine Zeit, war nett mich zu sehen, wir reden dann weiter. Worüber? Das Stöckchenspiel ist mir doch lieber.

Ich spreche, also geht es mir schlecht/2

Es ist nicht mein Schmerz, dieses Mal will ich jemanden, dessen Plan vom perfekten Leben nicht aufgegangen ist aufmuntern. Ich will sagen, dass Perfektion nur ein starres Konstrukt ist, das fürs ganze Leben viel zu klein und sowieso ungeeignet ist. Kopf hoch, vielleicht noch. Aber was weiß ich schon und wer will das hören.

Wenn ich meinem Hund den Verband am verletzten, schmerzenden Pfötchen wechsle, sage ich ihm, dass alles wieder gut sein wird. Und ich weiß, dass er weiß, dass es so kommen wird, sonst würde ich es nicht sagen. Und wir beide wissen, dass ich nichts hätte sagen müssen. Ein perfekter Trost, der selbst unausgesprochen zielsicher ankommt.

Aber ich muss reden, mit Worten mir Gehör verschaffen, überzeugen, beschwören, Vertrauen aufbauen, Misstrauen ausräumen, versprechen, schreien wenn nichts hilft. Für gewöhnlich treffe ich daneben.

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