Der Antrag

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– Ihr Antrag enthält zu viele Fehler. Abgelehnt!
– Kontra!
– Re!
– Bock!
– HIRSCH!
Das Spiel gewinne ich nicht. Ich schleiche mich vom Platze, stecke den Antrag auf Glück in die Tasche. Also Fehlersuche! Ich begebe mich in den Urwald der ungeputzt verhangenen Lebensjahre und fange an, das Gestern auszugraben. Ich werde die Fehler finden. Mich rückwärtsgehend vorwärts schlagen, denn irgendwo unter den geschichteten Tagen liegt das Glück begraben.

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Schlechte Manieren

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Mama, Papa, Pudel spazierten im Park, eine Bilderbuchfamilie, kein Zweifel daran. Der Zusammenhalt an der dreifachen Dauerwelle gut erkennbar, unterschiedlich in der Farbe wenngleich, einmal rabenschwarz, eichhörnchenbraun und honiggelb der Pudel selbst. Sie machten kleine Schritte und benahmen sich im Allgemeinen sehr gesittet im Park. Oh, eine Bank! Wollen wir uns setzen? Sie taten das, der Pudel seufzend, er ginge wohl lieber weiter voran. Wir zwei kamen immer näher heran. Die Leine spannte sich, spitzdünnes Gezeter brach auf unserer Seite des Weges aus, bankseits blieb man ruhig, entspannt. War das nötig, fragte ich missgestimmt danach, mein Hund schwieg sich dazu ausgedehnt aus. Er beschleunigte wie mir schien freudig, als ich sagte, so, jetzt gehen wir nach Haus. Ist wie es ist, Familie sucht man sich nicht aus. 

Kätzchens Erwachen

 

 

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Ich träumte vom Morgentau und wie sich der Regenbogen darin bricht. Wie ich die ungeheure Finsternis zum Kleinnachtblau zerlege mit einem Leuchtschwert aus Glühwürmchenlicht. Man fürchtet mich. Wie ich den Nachbarshund ärgere und der Dummkopf mich nicht erwischt. Wie ich, der Kung-Fu-Fighter die Nachtfalter jage, auf dass sie zum Mond auffliegen und auf ihren Flügeln da sitze ich. Von fetten Mäusen zum Nachtisch. Am Ende aller Träume, gibts heute Fisch? 🐟 

Das Jenseits

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Die Genehmigung für den neuen Friedhof wurde noch nicht erteilt, im siebten Jahr liegt er brach, ohne Habe in seinem Leib. Die Meinungen darüber sind zweigeteilt, die einen wollen hüben, die anderen drüben begraben sein. Hier, nah am Haus will ich ruhen, sagt eine junge Frau. Ich verstehe, am Friedhof leben, auf dem Friedhof liegen, im Jenseits und doch zu Hause geblieben. Sie hat noch Zeit. Die anderen wollen nicht die ersten auf dem unberührten Friedhof sein, denn selbst ein Bündel Knochen fürchtet sich davor, allein zu sein. Auf manche Toten wartet ein Umzug. Zur gegeben Zeit. Die Genehmigung wird es regeln. Das gilt, versteht sich, diesseits. Jenseitige Formalitäten, meine Damen und Herren, sind mit dem Knochenmann zu klären. 

 

 

Träume, träume, träume süß!

 

 

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Ich habe mich am Kirschkern verschluckt. Macht nichts, unter der Erde sechs Fuß tief atmet es sich unerwartet gut. Träume ich, bin ich wach, liege ich im überraschend bequemen Grab? Die Eichhörnchen fliegen vom Sturm getragen, greifen nach dünnen Ästen, fallen. Hunde laufen neugierig hin, ich rufe laut, schnell schnell, kommt zu mir! Der Sturm tobt, Orkan zieht an, um mich herum Nebel und wütende Gischt. Ich habe unter Traumdeutung nachgeschlagen. Sturm – Der Träumende nimmt sich selbst zu ernst. Möglich wärs! So fasse ich mich kurz, stelle trocken fest: Die Kirsche lockte rot und süß, ich ließ sie – fatal, fatal nicht liegen. Jaja, was ist heute der Apfelmus in meinen Augen gestiegen!

Die Taube auf dem Dach

 

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Die Taube auf dem Dach spaziert auf und ab. Gelangweilt gurrr, gurrr, gurrt sie mich an, blinzelt links, wendet behäbig, blinzelt rechts mich an. Ich trachte danach, sie am Gefieder zu fassen, die Gelegenheit das Glück zu erhaschen will ich nicht ungenutzt verstreichen lassen. Ich muss nur die Mauer erklimmen, Köder auslegen, flötend lockt mich die Taube vom Dach. Ich träume von Träumen in Taubenhimmelblau. Es klettert sich mühsam rauf, leichter fällt es sich herunter. Blaue Flecken nur, ich bin fast unversehrt, die geraubte Taubenfeder hat keinen Wert.

 

Niko

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Ich war fünf als Niko in mein Leben trat. Niko war elf, drahtig, auffällig, wo er ging, wo er stand. Niko, Niko, rief man ihm laut nach. Laut wie später er selbst, wenn er Wodka trank und mit leeren Wodkaflaschen um sich warf. Später. Damals aber zog er den Schlitten auf dem ich saß über den zugefrorenen See. Er zeichnete Kringel, ich piepste dünn lauf Pferdchen, lauf … er stimmte kräftig mit ein. Danke, unter Tränen. Ich hörte von Schlägereien, Knochenbrüchen, Delirien, ausgeschlagenen Zähnen. Betrunken, betrinkst du dich aufs Neue. Du weißt nicht, wer ich bin, es wirkt alles verschwommen. Ich bin längst wie der Wodkadunst einer stockblauen Nacht deiner Erinnerung entflogen.

Bäng! Bäng!

 

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Bäng! Bäng! …. weil der kalte Nebel nach mir greift … Bäng! Bäng! … weil die Sterne so unerreicht … Weißt du noch wie du mir den Sheriffstern gabst? Plastik, Kirmesstern mit Strass, ich lachte auf. Bäng! Bäng! Punkt zwölf zur Mittagszeit blieb der Sheriff liegen, auf dem Schulhof im Staub. Die Milchausgabe hatte er verpasst, die Braut, der Schmerz, ach, vergessen zwei Wochen danach. Aber ich? Mit Sheriffstern und Sporen am Stiefelschaft wäre ich heute gemacht! So zieht es mich an Tagen wie diesen in die Prärie hinaus, mit den Kojoten im Schlepptau durchsiebe ich den Staub.

Das Böse, das nicht schläft

 

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Er nahm die Axt, schlich sich an das Haus heran in der dunklen Nacht. Ein Flügelschlag, die Eule erstarrte, er blickte in ein grüngelbes Augenpaar und erschrak. Menschlich die Regung, anders als das, was er später tat. Zwei waren in der Garage, schwach erleuchtet durch eine Glühbirne mit 40 Watt. Kein Schrei. Wachte jemand von einem schlechten Traum auf, diese Nacht? Bist du das? Jetzt war er im Haus. Ja? Nein? Schweigen? Die Axt bluttriefend, die anderen waren dran. Er war bereit, zwei Schädel schlug er schon entzwei. In jedem Zimmer brannte Licht, Lichterketten blinzelten vorweihnachtlich, so fand man das Haus vor. Und ein Restleben, das am seidenen Faden hing und später ins Leben zurück fand, doch leben will es nicht. Machte er die Lichter an, sah im Dunkeln seine Opfer nicht? Die Eule, die Maus, die der Eule entkam, keine weiteren Zeugen in der schwarzen, schwarzen Nacht. So geschah es am 4. Dezember 2008.

Die Landschaft hüllt sich in ein unschuldiges Weiß, es weihnachtet. Auch das Böse wird am Weihnachtstisch sitzen, gleich hier, unter uns. Manchmal wollen wir es nicht wissen.

Oh Johnny/2

img_0478Der alte Mann steigt die Treppe schwer, zieht sein Holzbein hinterher, noch hundert Stufen, es ist dunkel umher. Die schwache Flamme holt er dichter heran, der Goldzahn blitzt auf, es ist nicht mehr weit. Nacht für Nacht macht er für mich die Lichter an, bin sonst verloren im Ozean. Das ist so viel mehr, als ich für dich zu tun imstande wäre, sage ich. Och, sagt er in einer Art, als ob es viele Worte wären. Ich beeile mich zu erklären … aber jetzt schaut er nur tadelnd gelinde. Wahre Liebe muss nicht nach Worten ringen. Oh Johnny, ich werde dich finden. Nur wo bin ich hier, wo? Und wie weit ist es bis Buffalo?

… Ende …