Stille

ich

Das Kind mit dem ernsten, ruhigen Gesicht übte heimlich den heiteren Blick, riss die Augen auf und zog die Mundwinkel bis zu den Ohren hoch. Etwas seltsam, doch das Kind wirkte fröhlich. Es tanzte, sang schräg, trug Gedichte vor. Heute, wenn ich an einem geselligen Tisch sitze, ein reißfestes Glied einer Frohsinnskette, wieder breit lachend und schwungvoll wie platt schwadronierend, denke ich betreten und sprachlos im Innern, wie gut würde mir doch die verlernte Stille stehen.

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Falsche Badehose

image.pngKann der Bauer nicht schwimmen, ist die Badehose schuld (Deutsches Sprichwort). Manchmal liegtˋs wirklich nur an der falschen Badehose. Alles.

Im Garten/25.05.16

Herrgott, richte es so ein,
daß es täglich von Mitternacht bis drei Uhr früh regne,
aber langsam und warm, weißt du, damit es einsickern kann;
doch soll es dabei nicht auf die Pechnelke, das Steinkraut, Sonnenröschen,
den Lavendel und andere Blumen regnen,
die dir in deiner unendlichen Weisheit als trockenliebende Pflanzen bekannt sind – wenn du willst, schreibe ich es dir auf ein Blatt Papier auf;
ferner soll die Sonne den ganzen Tag über scheinen,
aber nicht überallhin (zum Beispiel nicht auf den Spierstrauch und Enzian,
noch auf Funkie und Rhododendron) und auch nicht zu stark;
dann möge es viel Tau und wenig Wind geben,
genug Regenwürmer, keine Blattläuse, Schnecken und keinen Mehltau,
und einmal in der Woche
verdünnte Jauche mit Taubenmist regnen.
Amen.

Karel Čapek aus: Das Jahr des Gärtners

Schlaflos

 

 

imageDie verfluchten Vollmondnächte rauben mir den Schlaf. Ihr Teufelsknechte, wie soll ich leben mit der Schmach! Die Unke, die Zähne, die Krähe, aber ich erzähle es besser der Reihe nach. Nicht hell, doch wach ging ich in den Wald, ein Pirol schmachtete in a-Moll, ich will dich sehen, ich kriege dich, du unsichtbarer Strolch! Ich kletterte den Baum hoch, griff nach der Steuerfeder, doch der Vogel entflog. Uh uh uh! Eine Unke warf mir von unten einen merkwürdigen Blick zu. Ich lächelte, vergaß den Fluch. Zählt eine Unke die Zähne durch, fallen sie aus, als risse man an einer Perlenschnur. Eins, zwei, drei, vier, alle mir! Fünf, sechs, sieben. Aber dort drüben, der Pirol! Diesmal packte ich ihn an den Schwungfedern, aber warum, was mache ich nur? Uh uh uh, das ist der Fluch! Der Pirol war eine Krähe, ich wurde sie nicht los. Da oben auf meinem Kopf, im eigens dafür zusammengerupften Zopf baute sie ein Nest, legte Eier dort. Oh, jetzt muss ich so leben – die Unke, die Zähne, die Krähe auf dem Kopf!

Der Bibliothekar

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Und wer ist das? Wir schauen uns die alten Bilder an. Unser Lehrer, Schulleiter, Bibliothekar. Die Brille fällt mir auf, wirkt wie verwachsen mit dem Gesicht. Die Augen … die Augen waren steinern und kalt, sagt die Frau. Ich fragte beharrlich nach Jules Verne, du bist zu klein, sagte er und schickte mich heim. Zu klein für den Bibliothekar. Nicht mehr lang. Die Augen suchten nie nach Vergebung. Sie tasteten drohend ab, um sogleich zu wissen, nein, sie hat es nicht gesagt. Gestorben, begraben in allen Ehren. Stämmig, große raue Hände. Seine Augen durchstechen die Schutzhülle meiner Seele, seine Hände umschlingen mich nachts.