Männersache

imageIch fürchte mich durch den dunklen Wald nach Hause zu gehen, sagte sie und schaute erwartungsvoll in die Runde. Die kleinen Männer waren dran. Zwei von ihnen fassten sich ein Herz und wohl auch an den Händen. Wir gehen durch den Wald! Das Mädchen ging voraus, kannte es doch jeden Stein, jeden Baum, jeden Strauch, ach wie schön ist der Wald. Nicht bei Nacht, fanden die beiden Jungen. Die wildpochenden Herzen tief in die Latzhosen gerutscht, stolperten die zwei Indianer, in ihren Männerrollen verloren, durch den finsteren Wald. Männersache – Wer hat´s überhaupt erfunden?!

Werbeanzeigen

Ja!

Ich habe es gewusst, ich habe es geahnt, geplant, vermutet. Gefühlt und gerufen. Ich habe es gesagt, getan, ungelogen, wirklich wahr. Gesehen und gehört auch.

Heute ist ein Ja-Tag! Der Frühling ist da!

Wovon Hasen träumen

image

Es traf der junge Hase einen wilden Mann. Ein Rauschebart! So einer würde mir gut stehen, geriet das kleine Häschen ins Schwärmen. Ein Bart wie dieser braucht Jahre, so lange wirst du nicht leben. Nein? Nein! Von der Maus die runden Ohren? Und weg war die Maus, kein Geplauder über Ohren! Keine Kiemen vom Fisch, kein Gefieder vom Vogel, keine Stacheln vom Igel. Tief enttäuscht ging der Hase nach Haus´, rupfte unterwegs noch ein paar Möhren raus. Er blieb – flauschig-weich, runder Kopf, Augen groß wie Murmeln – unglücklich mit seinem Aussehen.

Auf ein Wort

„… Man könne auch heute noch Nazi sein aus idealen Gründen, ohne Verbrecher oder Idiot zu sein. Ich sagte ihr: Sie wisse nicht, wie Entsetzliches geschehe. Ich ergänzte das Lessingsche: Wer über manchen Dingen nicht den Verstand verliere, habe keinen Verstand, durch: Wer heute die Herzensruhe bewahre, habe kein Herz. Sie ging betroffen fort, sie ist eine wahrhaft gute Person.“

Victor Klemperer, Tagebücher 1935-1936, Eintrag 5. Oktober 1935

– Nicht im Kofferraum?
– Nein, Papa hinterm Steuer, Mama, mein Bruder und ich, auf dem Autodach die Koffer zusammengestaucht. Koffer, die so undeutsch aussahen wie wir selbst. Ach so. Man sah schon manchmal die Enttäuschung im Gesicht. Nicht spannend genug, langweilig geradezu. Die Erinnerung an den Tag, der mein Leben in zwei Teile zerschnitt – hier und dort, davor und danach, fad wie eine Suppe ohne Salz. Es ist niemals leicht seine Heimat zu verlassen.

„Wer heute die Herzensruhe bewahre, habe kein Herz“

 

 

Die Rückkehr des Winters `16

14. März ´16. Der Winter gibt nicht auf, Beweisfotos vom heutigen Morgenspaziergang. Korrektur: Es soll 15. März heißen. Anscheinend habe ich den gestrigen Tag verschlafen.

Im Keller

image

Jahr für Jahr zu dieser Zeit spielte sich im finsteren Keller eine schaurige Kartoffelschau ab. Eine Leuchtbirne sendete ein schwaches Lichtsignal aus, alles was kreuchte und fleuchte malte in milchig-feuchtem Halbdunkel Schatten an die Wand. Ein Lichtschacht weckte die Sehnsucht nach einem Ausbruch in die Welt hinaus. Die Kröten, die sich das Winterlager im sandigen Boden mit den gelagerten Kartoffeln, den Mäusen und den Kellerasseln teilten, krochen jetzt den Kartoffelberg hinauf, zur Sonne, zum Licht, Hinaus! Der taktile Albtraum begann. Blind griffen wir in den nasskalten Sand hinein, die guten Kartoffeln ins Körbchen, die verfaulten müssen raus. Luft anhalten, Griff in den Sand, gute Kartoffel, Gott sei Dank! Nur ertastete man manchmal Weiches. Kröte, Maus, toter Maulwurf, Ringelnatter, Blindschleiche, wer weiß?!

Bis heute löst eine faule Kartoffel Panik in mir aus. Einer Zwiebel dagegen lasse ich es ungerührt durchgehen, passiert schon mal.

Im Treppenhaus sinnlos gestorben

imageDer erste Stock ist erreicht, bloß nicht umdrehen. Der Mann hinter mir muss nach Luft ringen, ich rieche seine Fahne. Es ist 2 Uhr nachts, das Licht geht aus. Ich wuchte die Schinkenkeule von links nach rechts, es reißt mich fast die Treppe runter, keine Zeit die Schultertasche zu richten, sie schleift am Boden, mein Arm verhakelt im Jackenärmel, er steckt fest mit gebeugtem Ellbogen. Das Licht geht wieder an. Wo ist er? Darf ich? Nein, ist ganz leicht! Ich schleppe mich bleiern treppauf vorwärts. Ich esse kein Fleisch, sage ich, die Schinkenkeule, 6 Kilo schwer in meinen Armen, wir haben alle eine bekommen. Aaah, ja. Weiter Schweigen. Endlich. Im Gleichklang schließen wir jeweils unsere Wohnungstüren auf. Drei Jahre schon leben wir Wand an Wand, ich kenne den Mann gerade so vom Sehen, wir bräuchten eine Anleitung wie wir miteinander umgehen. Im Flur am Boden liegt die Schinkenkeule. Sinnlos, sinnlos. Ach, such das Schwein ist umsonst gestorben.

Danke für die Inspiration: http://juttareichelt.com/2016/03/11/9-geschichtengenerator-in-aktion/

 

Das Fräulein und der Kater

image
Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.
Mein Fräulein! sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.

Heinrich Heine

Schauˋ Kater, alles Schall und Rauch!
Ja, Mutter. Teufel aber auch!

Im Trüben fischen

image„Vieles hätte ich verstanden, wenn man es mir nicht erklärt hätte“
Stanisław Jerzy Lec

Zurück, zurück, noch ein bisschen, zurück … Ich stolperte und fiel in den Wassereimer, sodass kleine Flutwellen ringsum auf den Boden klatschten. Meine Brüder, zwei die sich schon immer verstanden ohne Worte, kicherten sich ins Fäustchen. Ich verstockte. Für mich zählten nur Worte. Wir waren ein schweigsames Haus. Die einen fanden blind zueinander in dieser Stille, andere fischten blind im trübkalten Wasser nach Worten. Ich hätte vieles verstanden, wenn ich es mir nicht selbst erklärt hätte.