Geblendet

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Aber…, zweifelte die Braut. Nein, nein, heirate diesen Mann. Die Hochzeit fand statt. Ein Seemann, der er sein wollte, aber es nicht geworden war, ein Vater, der er sein wird, aber es zu sein nicht verstand, wurde ihr Ehemann. Die Ehe war grausam. Nein, nein, ein guter Mann. Lahm ihre Beine, die tanzen wollten, ihr Herz schlägt kaum, Augen sehen weg, der Kopf friert seine Gedanken ein. Leblos, grau, asch-, fahl-, staubgrau. Alles gefriert, hört auf zu fühlen, stirbt, zerfällt zu Staub.

Die Feier ist abgesagt. Die Goldene Hochzeit findet nicht statt, die Ehefrau verlässt das gemeinsame Haus. Mein Leben, sagt sie als Abschiedsgruß, mein Leben, das ich hinter mir lasse, ein Sack voller grauer Steine in des Monsters Bauch. Dumm. Vor 50 Jahren ließ ich mich vom Funkeln blenden.

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Der 80. Geburtstag

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Justo war sehr empfindsam, er ging lieber aus dem Haus, bevor er sich in einen Streit hineinziehen ließ. Da hängt der Haussegen schief, wussten die Nachbarn, wenn Justo wieder allein die Straße entlangging. Luke hatte die Gnade der späten Geburt, für seine üble Tat gab es früher den Strick. Hühnerraub. Die drei Baris, treu und lieb. Einen müsste ich noch kennen, rief ich doch „Bali, Bali“ hinterher. Bubba, Oma´s Liebling. Burek und Bolek … hier wurde geweint … sie verschwanden, kehrten nicht mehr heim. Der 80. Geburtstag verlief in sentimentaler Runde. Unter den Gästen auch Kubuś, Misiek, Lulu, Buzz und Mel. Wir schauen zu den Hunden – klein, groß, dick, dünn, kraus, glatt. Die Familienlage vertrackt, nicht ohne Wunden, in einem sind wir uns einig, wir mögen schwarze Hunde.

Rote Fingernägel

imageWir begegnen uns zufällig. Wie damals trägt sie rot lackierte Fingernägel, weshalb ich sie nach so vielen Jahren überhaupt erkenne. Damals saß sie am Fenster, beschäftigt mit ihrer Maniküre. Gefallen sie dir? Ja, antwortete ich höflich, doch es war glatt gelogen. Die Fingernägel waren unnatürlich lang, spitz und so rot wie ein blutendes Knie.

Bevor sich unsere Wege wieder trennen, sagen wir uns mit vielen höflichen Worten herzlich wenig, wobei wir uns über das Gesagte sowieso kaum scheren. Distanz. Ich achte darauf, sie zu wahren, meine Haltung soll anzeigen, ich selbst wünsche auch keine Nähe. Und doch will ich mehr erfahren, die unverändert roten Fingernägel haben vielleicht eine Geschichte zu erzählen. Ich werde sie nicht erfahren. Wir gehen. Wir gehen nach Hause, ein Stück menschlicher Nähe geht vor die Hunde.

Kein Beitrag

image.pngBahnhof / Wisława Szymborska

Meine Nichtankunft in der Stadt N.
Erfolgte pünktlich.
Du bist benachrichtigt worden
durch den nicht abgesandten Brief.
Du schafftest es, in der vorgesehenen Zeit
nicht zu kommen.
Der Zug kam am Bahnsteig drei an.
Viele Reisende stiegen aus.
In der Menge strebte zum Ausgang
das Fehlen meiner Person.
Einige Frauen vertraten mich
eilig
in dieser Eile.
Zu einer lief
jemand, der mir fremd war,
doch sie erkannte ihn
sofort.
Sie tauschten beide
nicht unseren Kuß
dabei ging nicht mein
Koffer verloren.
Der Bahnhof der Stadt N.
bestand das Examen
in objektivem Dasein.
Alles war an seinem Platz.
Die Details trieben
auf vorgezeichneten Bahnen.
Sogar das Treffen
fand wie verabredet statt.
Jenseits der Reichweite
unsres Dabeiseins.
Im verlorenen Paradies
der Höchstwahrscheinlichkeit.
Woanders
Woanders.
Wie diese Wörtchen klingeln.

Wisława Szymborska: Bahnhof, in: Hundert Freuden. Gedichte, herausgegeben und übertragen von Karl Dedecius, Suhrkamp, 1996

So ist das Leben

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Es klopft an die Tür, nicht meine, nebenan. Komm´ heraus, unterschreib´, geliefert wird Unglück, Ungemach, Kummer ohne Trost. Kinder lauft! Höre ich. Schnell! Auch ich verkrieche mich unters Bett. Dein Herz gärt, vielleicht atmest du bald nicht mehr! Mach´auf, zur Herausgabe stehen Jammer und Not! Der Bote lacht widerwärtig vergnügt, verschluckt sich vor seinem abstoßenden Glück. Lautlos rutsche ich ans Schlüsselloch. Ein Mann steht da, ganz still. Habe ich mich verhört? Nein, es schüttelt ihn wieder, es zerreißt ihn vor Glück. Er geht, kommt wieder.

Sie kommen und sie gehen. Sie schenken und sie nehmen. Gehen wieder unverrichteter Dinge, reißen einen mitten aus dem Leben. Wenn man an einem grauen Regen- und Nebeltag am Kamin sitzt, von Wärme umgeben, ist man geneigt schulterzuckend zu sagen, so ist das Leben. Es soll sich nur fern halten von mir, mir nicht in der Sonne stehen, seiner eigenen Wege gehen.

Sie wünschen?

image.png

Der Hund mit der Blume im Hundehaar wird doch nicht … Doch, er gibt eine Bestellung auf. Von der Karte die Nummern 1 bis 4, werft alles in einen Topf, wenn ich bitten darf. Wir sind nicht so ein Restaurant, maunzt ihm gereizt der rothaarige Kater auf den Kopf. Dem Hund schwellen die Backen an … jetzt geht es dem Kater an den Kragen. Ein Luftballon? Oh! An die Küche, schnurrt der Kater jetzt freundlich gestimmt, einmal 1 bis 4, durcheinander, kein Besteck, der Gast wünscht es so!

Mensch und Tier, ein ungleiches Gespann. Der Mensch, ob von seinen Fantastereien getragen – ich wollte Dr. Dolittle sein – oder einfach nur gleichgültig, ist meistens doch von seiner Überlegenheit überzeugt. Und das Tier sitzt so oder so am kürzeren Hebel. Hier ein sehr schöner Text von Stephanie https://klunkerdesalltags.wordpress.com/2016/02/08/tiere/ ich fühlte mich inspiriert 🙂

 

 

Frühjahrsputz

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– Kann die Leber weg? Fragt der winzig kleine Mann in Weiß mit dem Kehrbesen in der Hand.
– Neeeein! Ich sagte Belastendes muss raus, will ein neuer Mensch werden, doch nicht gleich tot.
– Gut, und das? Es steht darauf „belastet mich, persönlich, soll weg“, aber ich frage lieber. Weg?
– Ja, ja, natürlich, das heißt nein, das bleibt.
– Aha. Der Verstand, der wiegt zwar nicht viel, aber …
– Untersteh´ dich!
– Dein gutes Aussehen vielleicht?
– Der war gut.
– Ich weiß.
– Aber nicht witzig! Pack dein Zeug ein!
– Ich denke, du willst ein neuer Mensch werden, wer hilft dir jetzt dabei?
– Das schaffe ich schon allein.
– Der war gut.
– Ich weiß.

Der Karpfen im Teich

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Heimlich bei Nacht verließ der Karpfen den heimischen Teich. Er blies die Kiemen auf, strich die goldenen Schuppen glatt und stürzte sich kopfüber ins Vergnügen am Land. Er wollte mehr vom Leben haben. Am Morgen darauf trieb sein zerfledderter Leib obenauf im Teich. Wie leichtsinnig, verblendet, das Mehr verdirbt uns alle, brodelte es am schlammigen Boden des Teichs. Der Fuchs, er war´s, gab später listig an, der Karpfen sah zwar ungewöhnlich lebendig, doch einem Impfköder nicht unähnlich aus. Armer Karpfen, er dachte, er könnte mehr vom Leben haben. Ich würde immer wieder den Teich verlassen wollen, ganz gleich, was ich draußen finde. Mehr oder weniger.

Bildquelle: https://pixabay.com/de/fuchs-tier-gucken-470247/