Eine Winterhochzeit

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Hier liegt ein Mann, gestorben im Jahr 2008, geliebter Vater, Großvater und Ehemann. Das Dorf hat vergessen. Niemand mehr sagt, dass der Mann seine Braut erschlug und sie tot in den Brunnen warf. Der Mann sagte damals aus, er wüsste nicht, warum sie zum Brunnen ging, er begleitete sie zum Haus, verabschiedete sich dann. Mörder, rief die Mutter der Braut im Gerichtssaal als der Richter auf einen Unglücksfall entschied. Mörder! Warum habe ich meine Tochter nicht? Sag! Warum? Sie schrie ihm das immer und immer ins Gesicht. Nur schaute er nicht auf, er hob nicht den Kopf, ging weiter still. Auf der Straße, vor der Kirche, jedesmal wenn sie an seinem Haus vorbeiging. Mörder! Sie fiel nicht hin! Sie rutschte nicht aus! Was wollte sie am Brunnen? Sag es mir! Mörder!

Vierzig Jahre nach der dunklen Winternacht verstarb die Mutter der Braut, der Mann atmete auf. Er überlebte sie um gut zwanzig Jahre, aber er hob den Kopf immer noch nicht. Das Dorf glaubte ihm nicht, aber alles schwieg. Ertrug er duldsam den Rufmord oder trug er schwer an seiner Schuld? Das Dorf hat längst vergessen, das Geheimnis liegt sicher im Grab.

An einem Tag im Winter, gerade dieser Tage heiratet ein Paar. Es werden Ringe, mit Steinen so klar wie Tränen, angereicht. Es sind Tränen. Tränen der Braut, die im Brunnen ertrank, eine für sie und eine für ihr ungeborenes Kind. Nun tritt die Braut vor den Altar.

 

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9 Gedanken zu “Eine Winterhochzeit

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